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Glühwürmchen im Garten

Ein Chor aus schwebenden Lichtern

Glühwürmchen erscheinen wie aus einer anderen Zeit. An wenigen Sommerabenden senden sie ihre Lichtsignale aus, um einen Partner zu finden. Sichtbar ist dieses stille Kommunikationsgeschehen meist in naturnahen, dunklen Gärten.

von Marko Stefanovic erschienen am 23.02.2026
Das Licht der Glühwürmchen ist das reinste Licht, das die Natur erschaffen hat: kalt, effizient, ohne Hitzeverlust. © Kenoben / Adobe Stock
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Als Kind war ich in den Bergen Serbiens. Dort sah ich im Vollmond die Konturen der Schweine, die im Gras lagen. Leise grunzten sie vor sich hin, während ein erstes pulsierendes Leuchten auftauchte, dann ein zweites, und wenige Atemzüge später schwebte ein ganzer Chor von sanften Lichtern über den Rücken der Tiere. Sie waren in der Luft und auf dem Boden verteilt, begleitet vom dumpfen Schnaufen und Grunzen der Schweine.

Erst Jahre später verstand ich, was sich in jener Nacht vor meinen Augen abgespielt hatte. Die schwebenden Lichter waren Glühwürmchen (Lampyridae). Je nach Art verständigen sich Weibchen und Männchen über artspezifische Leuchtmuster, um einen geeigneten Partner zu finden. Die rhythmischen Abfolgen aus Blitzdauer, Intervall, Farbe und Intensität unterscheiden sich dabei derart deutlich, dass Verwechslungen zwischen den Arten nahezu ausgeschlossen sind.

Kommunikation ohne Worte

Wie die präzise Abstimmung funktioniert, blieb lange unklar. Erst moderne Forschungen mit Hochgeschwindigkeitskameras zeigten, dass jedes Glühwürmchen über ein Feedbacksystem verfügt und seinen eigenen Blinkrhythmus minimal an das Leuchten benachbarter Insekten anpasst.

Bei manchen Arten führt diese wechselseitige Anpassung dazu, dass sich die Blinkmuster in Gruppen teilweise synchronisieren und sie im gleichen Rhythmus kollektiv leuchten – ohne zentrale Steuerung. In dichten Populationen wird das Leuchten zugleich zum Wettstreit: Mehrere Männchen können auf denselben Weibchenruf reagieren. Um sich durchzusetzen, variieren sie ihre Blinkfrequenz oder verändern das Timing ihrer Signale.

Ein Leben im Verborgenen

Entscheidend für das Vorkommen von Glühwürmchen ist dabei nicht nur der Sommer. Den größten Teil ihres Lebens spielt sich im Verborgenen als Larve ab. In dieser Phase leben Glühwürmchen im Boden, in der Streuschicht oder unter Steinen und ernähren sich vor allem von Schnecken und deren Eigelegen. Sie sind auf feuchte, ungestörte Böden angewiesen, die weder verdichtet noch regelmäßig bearbeitet werden. Wer Glühwürmchen begegnen möchte, muss den Garten somit als langfristigen Lebensraum für Insekten verstehen – auch über den Winter hinweg. Laubhaufen, stehen gelassene Stauden oder unaufgeräumte Randbereiche sind keine Nachlässigkeit, sondern Teil eines funktionierenden Systems.

Glühwürmchenlarven sind räuberisch und ernähren sich vor allem von Schnecken sowie von weiteren Wirbellosen wie Würmern.
Glühwürmchenlarven sind räuberisch und ernähren sich vor allem von Schnecken sowie von weiteren Wirbellosen wie Würmern. © Foto: kurt_G / Shutterstock

Lebensräume und Dunkelheit

Weltweit gibt es über 2.200 Glühwürmchenarten. In Europa kommen rund 65 Arten vor, mehrere davon auch in der Schweiz. Bevorzugt leben Glühwürmchen in feuchten, naturnahen Übergangsbereichen wie an Wald- und Wegrändern, an Böschungen, Bach- und Flussufern, in Feuchtwiesen sowie in wenig gepflegten Gartenbereichen mit hohen Gräsern, Kräutern und Laub. Solche Strukturen bieten nicht nur Glühwürmchen, sondern auch vielen anderen nachtaktiven Insekten und Kleintieren wichtige Rückzugsorte.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Dunkelheit. Gartenbeleuchtungen, Solarleuchten oder dauerhaft eingeschaltete Außenbeleuchtung können die feinen Leuchtsignale der Glühwürmchen stören und ihre Kommunikation beeinträchtigen. Gegen Lärm hingegen sind sie unempfindlich.

Für Gartenbesitzer bedeutet dies einen Perspektivwechsel. Dort, wo die Natur atmen kann und selbst die hintersten Winkel ihres Gartens durchdringt, wo sie ruhen darf und ihre eigene Zeitlichkeit spürbar wird, fühlen sich die Glühwürmchen heimisch und beginnen zu leuchten.

Glühwürmchen haben sich in nahezu jedem warmen Lebensraum der Erde angesiedelt – von tropischen Regenwäldern bis zu den Feuchtwiesen der gemäßigten Zonen.
Glühwürmchen haben sich in nahezu jedem warmen Lebensraum der Erde angesiedelt – von tropischen Regenwäldern bis zu den Feuchtwiesen der gemäßigten Zonen. © Foto: Ivan Kuzmin / Adobe Stock

Beobachten und verstehen

Glühwürmchen lassen sich vor allem an warmen Abenden im Juni und Juli beobachten. Mit der Dämmerung beginnt ihr Leuchten, meist bodennah oder über niedriger Vegetation. Um sie zu sehen, braucht es Geduld und Zeit: Oft erscheinen sie unerwartet – und gerade das macht ihr Auftauchen umso magischer. Wer seine Sichtungschancen erhöhen möchte, kann etwa den Waldfriedhof Schaffhausen aufsuchen oder in Zürich einen Spaziergang durch den Käferbergwald oberhalb des Bucheggplatz und der Oberen Waidstraße unternehmen. In Deutschland sind Glühwürmchen flächendeckend verbreitet. Der Hobby-Entomologe René Spierling sammelt auf seiner Website Sichtungen von Glühwürmchen und stellt sie auf einer Karte dar. Diese zeigt, dass sich viele Beobachtungen im Südwesten konzentrieren.

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