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Interview mit Severin Krieger

Leuchtkraft ist die Zutat, die Emotionen weckt

Pflanzplaner wissen mit dem Effekt der Leuchtkraft gezielt umzugehen. Severin Krieger ist einer von ihnen. Wie an einem Mischpult justiert er Kontraste, Farben und Strukturen, bis stimmige Kompositionen entstehen. Im Gespräch mit dem Landschaftsarchitekten wird deutlich: Leuchtkraft entsteht nicht allein durch starke Blütenfarben.

von Interview: Caroline Zollinger erschienen am 23.02.2026
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Zur Person
Severin Krieger
Severin Krieger ist Landschaftsarchitekt und Pflanzplaner mit eigenem Büro in Winterthur. Als prägendste Stationen seines Werdegangs nennt er ein Praktikum auf der Insel Mainau, die Arbeit bei Gartenwerke in Eriswil und eine Reise nach Madagaskar, mit Rucksack und Zelt – ein Wunsch, den er seit seiner Kindheit gehegt hatte. Schon damals machte sich seine Pflanzenpassion deutlich bemerkbar: Sein Kinderzimmer glich einem bunten Gewächshaus mit Sukkulenten und vielen subtropischen Arten. Als Inspiration diente ihm sein Großvater, der einen Wintergarten besaß und von seinen Reisen regelmäßig Pflanzen mit nach Hause brachte. Bis heute prägt das „Dschungelbild“ neben anderen Gestaltungsthemen seine Arbeit. Severin ist überzeugt davon, dass es für den gesundheitlichen Aspekt der Menschen zunehmend von Bedeutung ist, üppiges Grün in die Städte zu bringen. Zwischendurch auch immer wieder selbst zu gärtnern, jäten und eine Pflanzung über längere Zeit zu beobachten, bezeichnet der Landschaftsarchitekt als unverzichtbaren Impuls für seine konzeptionelle Arbeit. www.gruenklang.ch, Insta: @gruen.klang
Was bedeutet für dich Leuchtkraft in Bezug auf die Pflanzplanung? Für mich sind leuchtkräftige Pflanzen gleichzusetzen mit einem Eyecatcher, an dem man optisch hängen bleibt. Leuchtkraft hat auch viel mit Fernwirkung zu tun. Etwa, wenn man in einer großen Parkanlage die Leute erreichen und ihre Aufmerksamkeit einfangen will. Es geht darum, das Auge zu absorbieren.
Ich vergleiche eine stimmige Pflanzung gerne mit einer Sinfonie. Sie hat viel Dynamik und Höhepunkte, die mit leuchtkräftigen Akzenten gleichzusetzen sind. Severin Krieger
Nach welchen Prinzipien gehst du vor, wenn du leuchtstarke Arten integrierst? Ich finde es spannend, mit Komplementärkontrasten zu arbeiten. Damit lässt sich eine sehr hohe Leuchtkraft herstellen. Es geht immer um die Kombination. Wenn alles nur leuchtet, ist das Auge schnell überfordert. Hier kommt das Prinzip von „Motiv und Leinwand“ zum Tragen. So können etwa Gräser eine Art ruhige Leinwand darstellen, aus der dann Pflanzenmotive mit ihrer Leuchtkraft herausstechen. Es geht darum, die Hauptdarsteller auch optimal zur Geltung zu bringen. Ein eigentlicher Umkehr-Effekt ist es, vor einem hellen Hintergrund Dunkellaubiges zu pflanzen; für mich gibt es auch eine „dunkle“ Leuchtkraft. Mit Gräsern wie Calamagrostis oder Pennisetum lässt sich am richtigen Standort wunderschön das Gegenlicht einfangen, sodass die Blüten intensiv leuchten. Auch mit warmen und kalten Farben entstehen wirkungsvolle Kontraste, ebenso mit bewussten, provokativen „Reibereien“ wie der Kombination von Orange mit Pink.
Bewusster Komplementärkontrast mit Fackellilie, Kugel- und Edeldistel
Bewusster Komplementärkontrast mit Fackellilie, Kugel- und Edeldistel © gruenklang.ch
Entstehen solche Kompositionen auch intuitiv? Ich möchte so ehrlich sein, zu sagen, dass nicht alle Leuchteffekte immer bewusst geplant sind. Manchmal fällt einem erst im Nachgang auf, wie stark beispielsweise eine bestimmte Staude mit ihren Blüten das Licht einfängt. Vieles basiert auf Beobachtung und Erfahrung, auf Bildern, die in meinem Kopf entstehen; es ist ein stetiges Lernen. Ich habe das Fotografieren entdeckt und dokumentiere laufend verschiedenste Pflanzungen. Der geschärfte Blick durch die Linse hilft mir, die Dinge einzuordnen und feinere Strukturen und Zwischentöne wahrzunehmen. Ich lasse mich auch gerne durch andere Menschen inspirieren, etwa durch Harald Sauer, den gärtnerischen Leiter des Ebertparks in Ludwigshafen, dessen Arbeit ich sehr bewundere.
Warm-Kalt-Kontrast in Gold und Silber. Mädchenauge und Kompassblume stechen als leuchtendes Motiv heraus, während die Rutenhirse als eine Art Leinwand Ruhe schafft.
Warm-Kalt-Kontrast in Gold und Silber. Mädchenauge und Kompassblume stechen als leuchtendes Motiv heraus, während die Rutenhirse als eine Art Leinwand Ruhe schafft. © gruenklang.ch
Leuchtkraft beschränkt sich nicht auf Blüten. Welche weiteren Pflanzenelemente spielen eine Rolle? Nebst den Blüten, deren Leuchtkraft besonders bei den Prachtstauden aus dem Lebensbereich Beet ins Auge fällt, hat auch die Färbung der Blätter – sei es bei Stauden oder Gehölzen – eine enorme Wirkung. Sei es ganzjährig oder in Form einer Herbstfärbung. Der Trompetenbaum Catalpa bignonioides ‘Aurea’ beispielsweise hat mit seinen gelbgrünen Blättern besonders im Frühling eine extreme Leuchtkraft, während Arten wie der Perückenstrauch oder der Blasenbaum im Herbst punkten. Manche Pflanzen wie etwa die Raublatt-Aster fallen durch einen sehr hell leuchtenden Austrieb auf, andere setzen sich mit ihrem Fruchtschmuck in Szene, wie Zieräpfel oder Feuerdorn. Für mich lässt sich das Prinzip der Leuchtkraft überdies auch olfaktorisch übersetzen. Duftnoten setzen vergleichbare Akzente in einer Bepflanzung. Ich denke da an die Duft-Clematis C. armandii oder die einheimische Pimpernuss Staphylea pinnata. Und nicht zuletzt finde ich auch, dass es eine Art räumliche Leuchtkraft gibt, die sich im auffälligen Habitus einer Pflanze – etwa bei Federmohn oder Scheinhanf – äußert.
Gehölze mit gelbgrünen Blättern wie 
<i>Cotinus coggygria </i>
‘Golden Spirit’ bringen Helligkeit in eine Bepflanzung.
Gehölze mit gelbgrünen Blättern wie Cotinus coggygria ‘Golden Spirit’ bringen Helligkeit in eine Bepflanzung. © gruenklang.ch
In welchen Situationen sind Pflanzen mit Leuchtkraft von besonderer Bedeutung? Sie sind in einer Pflanzung generell sehr wichtig, vor allem aber im öffentlichen Grün. Dort geht es um Akzeptanz. Pflanzungen müssen auch ohne Erklärungsschilder funktionieren. Das Spiel mit der Leuchtkraft weckt Emotionen. Es ist sofort klar: Es handelt sich um eine gepflanzte Blumenrabatte, die man nicht einfach achtlos betritt, sondern wertschätzt. Leuchteffekte sind auch ein spannendes Mittel, um dunkle Ecken aufzuhellen. Will man einen Raum optisch vergrößern, bepflanzt man ihn im hinteren Teil mit dunkleren, im vorderen mit leuchtenden, hellen Pflanzen. Bezieht man den jahreszeitlichen Wechsel mit ein, wird das Einbinden von Leuchtkraft zum vielfältigen Spiel mit Raum und Zeit. Im Winter sind es die Immergrünen, die Leuchtkraft zeigen, im Frühling die ersten lang ersehnten Blüten der Geophyten wie Iris reticulata, erste Narzissen oder Anemonen. Eine Bepflanzung schafft für einen bestimmten Ort eine eigene Identität und kann gerade in einer größeren Überbauung für Orientierung sorgen.
Wie gehst du vor bei der Planung einer Bepflanzung? Es ist ein laufender Prozess: Plötzlich kommen mir Ideen in den Sinn, die ich mir notiere. Das kann am Schreibtisch sein oder bei einem freizeitlichen Spaziergang. Daraus entsteht ein Konzept mit einer Longlist an Pflanzen, die dann gefiltert wird. Anschließend folgt der Prozess der Dosierung: Wie an einem Mischpult schiebe ich die Regler auf und ab. Im Gelände sind dann die leuchtkräftigen Pflanzen jene, die ich zuerst auslege. In meiner Freizeit spiele ich in einem Sinfonieorchester das Waldhorn. Ich vergleiche eine stimmige Pflanzung gerne mit einer Sinfonie. Sie hat viel Dynamik und Höhepunkte, die mit leuchtkräftigen Akzenten gleichzusetzen sind. Kannst du Farben und einige Pflanzen nennen, die besondere Leuchtkraft haben? Rot ist sicher eine der stärksten Farben, gefolgt von Orange und Gelb. Kühlere Farben sind hingegen eher etwas zurückhaltender in der Wirkung. So muss man bei blauen Blüten vermehrt mit dem Hintergrund spielen, damit sie so richtig zur Geltung kommen. Besonders augenfällig sind für mich die Rudbeckien mit ihren warmen Gelbtönen, die Fackellilie ‘St. Gallen’ oder die Taglilie ‘Hexenritt’, die pinkfarbenen Blumen der Nerine, die bis zum Frost blüht, der anspruchsvolle Sumpfeibisch, Buschmalven und verschiedene Euphorbien. Es kommt immer auch auf die Masse an Blüten an. Eine optimale Fernwirkung erzielen beispielsweise Blutweiderich oder verschiedene Chrysanthemen. Bei den Gehölzen stechen Judasbaum, Goldregen oder der Chinesische Gemüsebaum Toona sinensis ‘Flamingo’ ins Auge. Gab es in der Gartengeschichte Phasen, in denen die Leuchtkraft bei der Gestaltung von Beeten im Vordergrund stand? Spontan fällt mir der Historismus des 19. Jahrhunderts ein. Damals waren knallige Farben beliebt, und man hat es mit der Künstlichkeit auf die Spitze getrieben. Die für diese Zeit typischen Teppichbeete des „Pleasure Grounds“ in Hausnähe hatten eine starke Leuchtkraft. Es ging dabei um eine künstlerische Geste im kontrastreichen Gegensatz zur Stilisierung der Natur im Landschaftsgarten. Im Barockgarten bestand die Leuchtkraft vielmehr in der reinen Form. Heute geht es darum, eine neue „Natürlichkeit“ in die Stadt zu bringen – mit üppigem Grün und sinnlicher Leuchtkraft als entscheidender Zutat.
Severins leuchtkräftige Favoriten Gehölze:
  • Acer opalus
  • Catalpa bignonioides ‘Aurea’
  • Cercis spp.
  • Cotinus coggygria ‘Golden Spirit’
  • Davidia involucrata
  • Genista aetnensis
  • Ginkgo biloba
  • Hamamelis spp.
  • Koelreuteria paniculata
  • Laburnum spp.
  • Lagerstroemia indica ‘Dynamite’
  • Liquidambar styraciflua
  • Magnolia spp.
  • Malus spp.
  • Pyracantha spp.
  • Rosa spp.
  • Salix exigua
  • Sassafras albidum
  • Spartium junceum
  • Taxodium distichum
  • Tetrapanax papyrifer
  • Toona sinensis ‘Flamingo’
Stauden:
  • Anemone spp.
  • Artemisia absinthium
  • Aster spp.
  • Baptisia australis
  • Calamagrostis brachytricha
  • Chrysanthemum spp.
  • Crocosmia x crocosmiiflora
  • Cyclamen repandum
  • Datisca cannabina
  • Echinacea spp.
  • Epilobium dodonaei
  • Euphorbia palustris
  • Gladiolus ‘Ruby’
  • Glycyrrhiza yunnanensis
  • Helianthus orgyalis
  • Hemerocallis spp.
  • Hibiscus moscheutos
  • Iris spp.
  • Lavatera Olbia-Hybride
  • Kniphofia galpinii ‘St. Gallen’
  • Lythrum salicaria
  • Macleaya cordata
  • Nerine bowdenii
  • Paeonia spp.
  • Pennisetum spp.
  • Perovskia atriplicifolia
  • Rudbeckia spp.
  • Salvia azurea, Salvia nemorosa
  • Schizachyrium ‘HaHa Tonka’
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